Wie lobe ich mein Kind richtig?

Wie lobe ich mein Kind richtig?

Als Eltern finden wir viele Anlässe, um auf unsere Kinder stolz zu sein. Die Entwicklung, die sie insbesondere in ihren ersten Lebensmonaten durchlaufen, ist erstaunlich. Während wir ihnen vor Kurzem noch das Laufen beibrachten und uns über ihre ersten bewussten Blicke freuten, stehen sie nun plötzlich vor uns, erkennen logische Zusammenhänge, erproben eigenständig ihre körperlichen Grenzen und versuchen, diese zu bewältigen.

Insbesondere, wenn wir unsere Kinder dabei beobachten, wie sie konzentriert und erfolgreich eine Aufgabe eigenständig lösen oder in ihrem Verhalten zeigen, wie sehr sie bereits gereift sind, überkommt uns Eltern nicht nur ein Stolzgefühl, sondern auch ein Gefühl der innigen Liebe. Eine Liebe, die wir nicht für uns behalten möchten, sondern sie direkt dem Kind vermitteln wollen.

Wie groß diese Liebe ist, die wir Eltern in uns haben, zeigt eine wundervolle Überlieferung, die bei al-Buḫārī erwähnt wird. Dort berichtet Anas ibn Mālik (r):

«Eine Frau kam zu Āʾiša bint Abī Bakr (r) (und bat sie um Hilfe) und Āʾiša (r) gab ihr drei Datteln. Die Frau gab jedem ihrer Kinder eine Dattel und behielt eine für sich. Die beiden Jungen aßen die beiden Datteln und schauten dann ihre Mutter an. Da teilte sie ihre Dattel in zwei Hälften und gab jedem eine Hälfte ab. Als der Prophet ﷺ von Āʾiša (r) erfuhr, was die Frau getan hatte, sagte er ﷺ: ‹Warum wundert ihr euch darüber? Allāh ﷻ hat ihr Barmherzigkeit geschenkt, weil sie ihren Kindern Barmherzigkeit erwiesen hat›».

Genau dieses intrinsische Gefühl wird weiter verstärkt, wenn wir unsere Kinder dabei beobachten, wie sie eine Handlung vollziehen, die uns stolz macht. Nichts anderes kommt uns in den Sinn, als unseren Kindern dies auch mitzuteilen. Liebevoll und aufrichtig schauen wir unsere Kinder an und sagen Dinge wie:

  • «Du machst das toll!»
  • «Ich bin so stolz auf dich!»
  • «Das kannst du aber richtig gut!»
  • «Das war perfekt!»
  • «Du bist so schlau!»

Oft fällt uns nicht auf, dass unsere Kinder auf dieses Lob, das aus dem Inneren unseres Herzens kommt, gar nicht reagieren. Wir bemerken es deshalb nicht, weil unsere Liebe in diesem Moment bedingungslos ist; wir erwarten keine Reaktion oder Umarmung zurück. In diesem Moment lieben wir unser Kind einfach nur deshalb, weil es da ist.

Dabei ist die Frage, weshalb Kinder nicht darauf reagieren, gar nicht so irrelevant. Vielleicht denken wir, dass das Kind gerade mit einer Sache beschäftigt ist und uns nicht richtig gehört hat. Oder aber wir gehen davon aus, dass es noch nicht sozial in der Lage ist zu verstehen, dass wir es gerade mit einer Liebesbotschaft überschüttet haben.

In einigen Fällen könnte das tatsächlich der Grund für die fehlende Reaktion sein. Doch in den meisten Fällen können unsere Kinder mit unserem Lob nichts anfangen. Sie verstehen es schlicht nicht – jedoch nicht deshalb, weil sie dazu nicht in der Lage wären, sondern weil unser Lob viel zu allgemein gefasst ist und keine Substanz besitzt. Unseren Kindern bleibt nichts anderes übrig, als es zu ignorieren, da wir im Grunde genommen nichts gesagt haben.

Ein einfaches «Du machst das so toll!» entpuppt sich schnell als Geschenk ohne Inhalt. Für einen Moment schön, aber es lässt das Kind ratlos zurück. Was macht denn das Kind angeblich «so toll»?

Stellen wir uns einen vierjährigen Mustafa vor, der sich seit geraumer Zeit leidenschaftlich für Lego-Bausteine interessiert. Seine Eltern haben seine Begeisterung fürs Bauen schnell bemerkt, scherzen bereits darüber, dass aus dem schlauen Mustafa sicherlich einmal ein Ingenieur wird, und stellen fest, dass er – viel eher als seine Freunde in der Kita – schon seit Längerem von den großen Bausteinen gelangweilt ist. Er möchte lieber mit den kleinen Lego-Steinen spielen, jenen, die komplizierter sind.

Seine Eltern kommen diesem Wunsch liebevoll nach und empfinden großen Stolz, als sie ein neues Set bestellen, auf dem steht, dass es für Kinder ab acht Jahren geeignet ist. «Das ist so krass, māšāʾaAllāh», denkt sich seine Mutter. «Er ist erst vier und kann schon Legos bauen für Achtjährige». Gespannt beobachtet sie Mustafa, wie er nach wenigen Sekunden verstanden hat, was zu tun ist. Seine Mutter lächelt ihn an, streicht ihm über den Kopf und sagt voller Begeisterung: «Du machst das so toll, Mustafa! Ich bin richtig stolz auf dich»

Schauen wir uns nun an, weshalb Mustafa nichts mit einem allgemeinen Lob anfangen kann:

Allgemeines Lob  Was sich Mustafa fragt
«Du machst das so toll!» Was mache ich toll?
Findet sie toll, wie ich sitze?
«Ich bin so stolz auf dich!» Warum ist sie stolz auf mich?
Will sie mitspielen?
«Das kannst du aber richtig gut!» Was kann ich denn so gut?
Richtig gut? Was ist das?

Eventuell schaffen wir durch Mustafas Fragen ein Bewusstsein dafür, dass unsere Aussagen tatsächlich leer sind. Skeptiker könnten einhaken, dass dies vielleicht etwas überspitzt und es gar nicht so wichtig sei, ob wir unsere Kinder konkret loben. Schließlich reiche es aus, dass wir unsere Kinder überhaupt loben, da sie dabei lediglich ein Gefühl von Liebe und Stolz empfinden sollen.

Doch die Frage, die wir Eltern uns stellen müssen, ist, ob wir mit diesem Lob tatsächlich dem natürlichen Bedürfnis unserer Kinder entsprechen. Jedes Elternteil kennt das Szenario, wenn Kinder beginnen, Fragen zu stellen. Anfangs sind wir begeistert und in vielen Momenten gewillt, ihren Wissensdurst zu stillen. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass wir manchmal von den vielen Fragen ermüdet sind, da sie kein Ende nehmen, zeitweise viel zu sehr ins Detail gehen – und weil jede unserer Antworten erneut mit einem «Warum?» hinterfragt werden kann.

Das zeigt uns in diesem Kontext eines ganz deutlich: Kinder wollen immer alles haargenau wissen. Und bei einem so wichtigen Thema wie Lob lassen wir sie im Ungewissen?

Ein Lob gewinnt erst dann an Kraft, wenn wir zeigen, wofür es eigentlich steht. Kinder spüren sehr genau, ob Worte mit Bedeutung gefüllt sind oder lediglich aus einer momentanen Stimmung heraus entstehen. Wenn wir sagen: «Du machst das toll», weiß ein Kind nicht, ob es gerade unsere gute Laune getroffen hat oder ob es tatsächlich etwas Wertvolles getan hat. Wenn wir jedoch sagen: «Ich freue mich darüber, wie sorgfältig du dein Buch weggeräumt hast», versteht es, dass das Lob an seine konkrete Handlung gebunden ist – und wächst daran in seinem Selbstvertrauen. So lernt es Schritt für Schritt, dass eigene Anstrengung Früchte trägt und dass es Einfluss auf seine Welt hat.

Konkretes Lob ist zugleich ein leiser Lehrer für Kommunikation. Ein Kind, das häufig erlebt, wie klar und liebevoll Rückmeldungen formuliert werden, lernt selbst, präzise zu sprechen. Es begreift, dass Worte Brücken bauen können und dass sich Bedürfnisse am besten äußern lassen, wenn man sie beim Namen nennt. Später wird es eher sagen können: «Ich bin gerade sauer auf dich, Mama, und möchte deshalb allein sein», statt trotzig oder schweigend in sich zu versinken.

Auch wir Erwachsene kennen diesen Unterschied. Ein pauschales «Das hast du gut gemacht» lässt uns oft eher ratlos zurück, während ein Satz wie: «Ich fand es stark, wie ruhig du in der Diskussion geblieben bist», uns wirklich weiterhelfen kann. Worte, die etwas konkret benennen, zeigen Respekt und Achtsamkeit und geben Orientierung. Dasselbe gilt für Kritik: Ein «Du bist doof» verletzt ohne Wegweiser, wohingegen ein «Ich fand es nicht schön, dass du mich angeschrien hast» dem Kind zeigt, was genau falsch lief, ohne seine Person abzuwerten. So kann es Verantwortung übernehmen, ohne seine Würde zu verlieren.

Wenn wir Lob und Kritik präzisieren, schenken wir unseren Kindern nicht nur Rückmeldung, sondern auch innere Sicherheit. Sie fühlen sich gesehen in ihrem Tun, statt bewertet in ihrem Sein, und lernen mit der Zeit, wie wirksam und heilsam klare Worte sein können.

Das beste Beispiel dafür liefert uns der Gesandte Allāhs ﷺ. In seinen Aussagen finden wir nicht nur liebevolle Zuneigung, sondern stets konkretes Feedback. Das galt nicht nur für positives Lob; auch bei Ermahnungen war der Prophet ﷺ klar, präzise und auf das Verhalten bezogen.

Bei al-Buḫārī und Muslim findet sich die Aussage von ʿUmar ibn Abī Salama (r), dass der Gesandte Allāhs ﷺ ihn als Kind ermahnte, als er unordentlich aß:

«Ich war ein Junge, der im Haus des Gesandten Allāhs ﷺ lebte, und meine Hand wanderte in der Schüssel (mit Essen) umher. Da sagte der Gesandte Allāhs ﷺ zu mir: ‹O Junge, nenne den Namen Allāhs, iss mit deiner rechten Hand und iss von dem, was dir am nächsten ist› Seitdem ist diese Art des Essens zur Gewohnheit für mich geworden»

Der Prophet ﷺ gab ʿUmar ibn Abī Salama (r) als Kind eine konkrete und klare Anweisung. Er ﷺ sagte ihm genau, was er tun sollte – nicht, was er unterlassen müsse. Bemerkenswert ist dabei, dass der Gesandte Allāhs ﷺ bewusst darauf verzichtete, das Verhalten des Kindes zu kritisieren oder negativ zu benennen. Er ﷺ sagte nicht: «Hör auf, so unordentlich zu essen!». Auch hier würde ein Kind nicht begreifen, was genau mit «unordentlich» gemeint ist, sondern erhielt stattdessen eine eindeutige, positive Handlungsanweisung.

Gerade darin liegt eine zentrale erzieherische Lehre. Ein Begriff wie «unordentlich» bleibt für ein Kind vage und interpretationsbedürftig. Es weiß nicht, welche konkrete Handlung gemeint ist und woran es sich orientieren soll. Der Prophet ﷺ ließ keinen Raum für Ungewissheit: Er benannte das gewünschte Verhalten klar und verständlich und gab dem Kind damit Sicherheit.

Zugleich richtete sich seine Ansprache nicht gegen die Person des Kindes, sondern ausschließlich auf dessen Verhalten. Durch diese Form der Korrektur blieb die Würde des Kindes vollständig gewahrt. Der Prophet ﷺ vermied Beschämung, Tadel oder negative Etikettierung und zeigte stattdessen einen Weg auf, dem das Kind unmittelbar folgen konnte.

Diese pädagogische Haltung verdeutlicht ein wichtiges Prinzip: Wirksam ist nicht das Benennen des Fehlers, sondern das Aufzeigen des richtigen Handelns. Kinder lernen nicht durch abstrakte Kritik, sondern durch konkrete Orientierung. Indem der Prophet ﷺ sagte, was zu tun ist, statt was falsch ist, ermöglichte er Lernen ohne Verletzung und Wachstum ohne Angst.

Ein Kind fühlt sich gesehen und verstanden, wenn Worte nicht abstrakt bleiben, sondern direkt an sein Tun gebunden sind. Ob wir nun Anweisungen geben, Grenzen setzen oder Lob aussprechen: Der Schlüssel liegt darin, konkret zu werden, statt Allgemeinsätze zu wiederholen. Genauso wie ein «Hör auf, so unordentlich zu essen!» nur Verwirrung stiftet, bleibt ein pauschales «Du bist toll!» oft ohne Wirkung.

Deshalb leitet uns die Weisheit des Propheten ﷺ direkt zurück zu unserem Ausgangspunkt: Wenn wir Kinder loben, dann nicht um der Worte willen, sondern um ihr Verhalten zu würdigen, ihnen Orientierung zu geben und ihr Selbstvertrauen wachsen zu lassen. Klares, konkretes Lob ist mehr als ein Ausdruck von Stolz, sondern eine Brücke zwischen liebevolle Anerkennung und Lernen. Und genau diese Brücke können wir bauen, indem wir genau benennen, was das Kind gut gemacht hat, und es so in seinem Tun stärken.

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